Die Frage erreicht uns aus Berlin, Wien und Zürich fast immer im selben Wortlaut: „Ich möchte den Koran lesen, aber ich kann kein Wort Arabisch. Geht das überhaupt?“
Die Antwort lautet ja — und es ist deutlich einfacher als gedacht, sofern man zwei Dinge auseinanderhält, die Anfänger fast immer verwechseln.
Eine Unterscheidung, die Ihnen zwei Jahre spart
Den Koran lesen und Arabisch verstehen sind zwei verschiedene Fähigkeiten. Das eine ist Lautentschlüsselung: Sie erkennen einen Buchstaben und sprechen ihn aus. Das andere ist eine vollständige Sprache mit Grammatik und Wortschatz.
Wer beides gleichsetzt, verschiebt das Lesen, bis er „Arabisch beherrscht“ — und beginnt deshalb nie. Dabei ist das Lesen in Monaten zu erlernen, nicht in Jahren: Das Alphabet hat nur 28 Buchstaben, und die Koranschrift ist vollkommen regelmäßig, ohne die Ausnahmen, die das Deutsche oder Englische prägen.
Die Reihenfolge, die wirklich funktioniert
Erste Wochen: die Buchstaben über ihren Laut, nicht über ihren Namen. „Bā“ ist ein Name; „ba – bi – bu“ ist ein Laut. Gelesen wird mit dem Laut. Genau dafür wurde die Qaida Nuraniyya entwickelt.
Danach die kurzen Vokale und die Dehnung. Zwei Buchstaben werden verbunden, dann drei. Hier brechen die meisten ab — fast immer, weil sie diesen Schritt übersprungen haben.
Zuletzt die kurzen Suren. Zuerst al-Fātiha, da sie in jeder Gebetseinheit Pflicht ist, danach al-Ichlās, al-Falaq und an-Nās.
Die Laute, die es im Deutschen nicht gibt
Fünf Buchstaben bereiten deutschsprachigen Lernenden echte Mühe: ع (ʿain), ح (ḥāʾ), ق (qāf), ط (ṭāʾ) und ض (ḍād). Keine schriftliche Beschreibung vermittelt sie — sie entstehen durch Hören und sofortige Korrektur. Genau deshalb reicht eine App nicht aus: Eine App hört Ihnen nicht zu.
Wie lange es ehrlich dauert
Bei zwei Unterrichtsstunden pro Woche und kurzer täglicher Wiederholung: Die meisten lesen nach sechs Wochen einfache Wörter, nach drei Monaten einen ganzen Vers, und nach ein bis zwei Jahren den Koran ohne besondere Hilfe. Das sind die Zahlen derjenigen, die dranbleiben — nicht derjenigen, die anfangen und aufhören.
Und wenn mir mein Niveau peinlich ist?
Das ist die häufigste Hemmung und die unbegründetste. Wer mit dreißig oder fünfzig das Alphabet lernt, tut genau das Richtige. Der Einzelunterricht online löst diesen Punkt ohnehin: Niemand sonst hört mit.